Was ist Mobile Jugendarbeit?

 

Mobile Jugendarbeit ist eine Leistung der Jugendhilfe, die im SGB VIII sowohl im Kontext offener Jugendarbeit (§ 11) als auch im Zusammenhang mit der Jugendsozialarbeit (§ 13) erfasst wird.

Mobile Jugendarbeit stellt einen Ansatz aufsuchender Jugendsozialarbeit („Geh-Hin-Struktur“) dar, der sowohl durch gruppen- und einzelfallbezogene Arbeit als auch durch stadtteil- und lebensweltorientierte Ansätze umgesetzt wird.

Die Mobilität drückt hierbei das aufsuchende Element dieses Ansatzes aus. Mobil sind die MitarbeiterInnen, die sich selbst in Bewegung setzen, mit dem Ziel, dass auch das Gemeinwesen beginnt sich zu bewegen.

Hierbei ist Mobile Jugendarbeit nicht als Alternative oder Ersatz für Angebote offener Jugendarbeit zu verstehen. Offene Jugendarbeit wird seitens der Mobilen Jugendarbeit grundsätzlich als ein Element in der vorhandenen sozialen Infrastruktur vorausgesetzt. Die Dienstleistung Mobile Jugendarbeit richtet sich an jene Jugendlichen, die von den Konzepten dieser Jugendarbeit nicht erreicht werden. Mobile Jugendarbeit versteht sich somit als ein Baustein innerhalb der Angebotsstruktur für junge Menschen.

Dabei arbeitet Mobile Jugendarbeit auf der Basis von Vertrauen, Freiwilligkeit und Parteilichkeit, die nur über kontinuierliche Kontakte zu den Zielgruppen erzielt werden können. Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei der Dienstleistung Mobile Jugendarbeit nicht um eine Sozialfeuerwehr bzw. um ein kommunales Befriedungsunternehmen, welches kurzfristig und flexibel von (vermeintlicher) Problemgruppe zu Problemgruppe und von (angeblichem) Brennpunkt zu Brennpunkt geschickt werden kann. Auch geht es nicht um die Wahrnehmung und Ausübung ordnungspolitischer Aufgaben. Vielmehr geht es sowohl darum, auf soziale Problemlagen hinzuweisen und mögliche Lösungswege bzgl. der Konflikte zwischen Öffentlichkeit und dem jugendkulturellen Selbstverständnis zu offerieren als auch darum, ein gemeinsames auf die Zukunft gerichtetes Miteinander und Prozesse der Vernetzung und Vermittlung zu initiieren.

Anders ausgedrückt stellt die Mobile Jugendarbeit kein gesellschaftliches Recyclingsystem dar, sondern akzeptiert jugendliche Szenen und individuelle Lebensstile.

 

 

Methoden Mobiler Jugendarbeit

 

Streetwork

 

Im Handlungsfeld Mobiler Jugendarbeit stellt Streetwork eine Methode in einem Gesamtkonzept von anderen Bausteinen dar. Dabei handelt es sich um einen unverzichtbaren Bestandteil, der nicht nur das Aufsuchen der Jugendlichen an ihren (informellen) Treffpunkten und in ihren sozialen Räumen beschreibt. Diese „Geh-Hin-Struktur“ ermöglicht neben der Kontaktaufnahme und des Beziehungsaufbaus das Miterleben und Kennen lernen der vielfältigen Lebenswelten der Jugendlichen. Durch die Niedrigschwelligkeit entstehen im Hinblick auf Regelsetzung und Machtverhältnisse andere qualitative Möglichkeiten der Begegnung, der Abbau von Schwellenängsten und in Bezug auf Dauer und Intensität der Kontakte eine selbstbestimmte Gestaltung. Aus diesen ständigen und zuverlässigen Kontaktangeboten entwickeln sich einzelfall- und gruppenbezogene Angebote.

 

Einzelfallbezogene Angebote

 

Im Kontext eines alltagsorientierten Beratungsverständnisses sieht sich mobile Jugendarbeit für alle Bedürfnisse und Herausforderungen zuständig, die sowohl die Jugendlichen als auch alle Bürger mit ihrer Unterstützung lösen möchten.

Beratung in der mobilen Jugendarbeit kann ohne Termin und Wartezeit auf der Strasse stattfinden und umgeht somit Schwellenängste herkömmlicher Beratungsstellen. Denkbar sind einerseits spontane Kriseninterventionen und andererseits langfristige Beratungsprozesse. Voraussetzung hierfür ist ein stabiles Vertrauensverhältnis, welches nur durch Kontinuität und Zuverlässigkeit in der Beziehungsarbeit entstehen kann.

Im Rahmen der Dienstleistung Mobiler Jugendarbeit der Stadt Eschweiler beinhaltet einzelfallbezogene Beratungsarbeit jedoch vornehmlich die Vermittlung der Betroffenen an andere Fachdienste unter Weiterführung des bestehenden Kontaktes.

Vor diesem Hintergrund kommt dem Aufbau institutioneller Netzwerke eine besondere Bedeutung mobiler Jugendarbeit zu.

 

Gruppenbezogene Angebote

 

Hierbei setzt mobile Jugendarbeit bei vorhandenen sozialen Beziehungen an und greift die Dynamiken in den einzelnen Cliquen auf und begleitet ihre gruppendynamischen Prozesse. Des Weiteren entstehen durch angebotspezifische Aktivitäten andere Gruppenformen. Hier ist die mobile Jugendarbeit durch einen geschlechtsbewussten Arbeitsansatz gekennzeichnet, welcher sowohl die homogene als auch heterogene Lebenswirklichkeit von Jugendlichen berücksichtigt. Darüber hinaus sind Aktivitäten zur Freizeitgestaltung auch durch erlebnispädagogische Angebote gekennzeichnet.

 

Stadtteil- und Lebensweltorientierung

 

Mobile Jugendarbeit berücksichtigt in ihrer Arbeit die Stadtteil- und Lebensbezüge ihrer Zielgruppen. Daraus ergibt sich, dass sich mobile Jugendarbeit an der gesamten Wohnbevölkerung und (sozialen) Infrastruktur eines Stadtteiles orientiert und die Jugendlichen nicht isoliert, sondern im Kontext ihrer Lebensbezüge und den gesamten sozialräumlichen Zusammenhang aller betrachtet. Vor diesem Hintergrund werden die Menschen in ihrem Stadtteil als Experten ihres Lebens und auch ihres Lebensumfeldes wahrgenommen. Insgesamt handelt es sich also um eine zielgruppenübergreifende Arbeit mit der Absicht, die vor Ort vorhandenen Ressourcen zu nutzen und die Eigeninitiative und die Selbsthilfekräfte der Beteiligten zu fördern. Darüber hinaus ist die Kooperation und die Koordination der Träger sozialer Dienste und anderer Institutionen im Stadtteil ein wichtiger Baustein. Grundsätzlich übernimmt mobile Jugendarbeit die Funktion eines Anwaltes für Jugendliche in einem offenen Prozess. Somit soll die Sensibilisierung aller für die Lebenswelt von Jugendlichen erreicht werden und die Beteiligung an einem Unterstützungsprozess für Jugendliche ermöglicht werden.

 

 

Zielgruppen und Ziele mobiler Jugendarbeit

 

Mobile Jugendarbeit und ihre Dienstleistungen richten sich vorrangig an Jugendliche, die ausgegrenzt bzw. von Ausgrenzung bedroht sind und von den herkömmlichen Einrichtungen und Angeboten der Jugend- und Sozialarbeit nicht oder kaum mehr erreicht werden. Adressaten sind Gruppen und Cliquen von Jugendlichen, die zumindest einen Teil ihres Lebens „auf der Straße“ verbringen und nicht nach pädagogisierten Treffpunkten suchen. An diesen öffentlichen Plätzen erleben die Jugendlichen allerdings, dass sie als abweichend, störend und die öffentliche Sicherheit gefährdend empfunden werden. Ein Altersschwerpunkt liegt bei 12 bis 20 Jahren.

Grundziel mobiler Jugendarbeit ist es die Ausgrenzung und Stigmatisierung von jungen Menschen zu verhindern oder sie zu verringern. Es soll gelingen die Zielgruppe mit ihren eigenen Normen und Werten zu akzeptieren und gesellschaftliche Transparenz und Akzeptanz zu fördern.

Vor diesem Hintergrund ist es Ziel mobiler Jugendarbeit die Jugendlichen dazu zu befähigen, ihre persönlichen oder kollektiven Lebenssituationen selbstständig bewältigen zu können. Dies auch, wenn sie in Konflikte mit ihrer Umwelt geraten. Einerseits geht es um die Förderung individueller Handlungskompetenzen zur eigenverantwortlichen Lebensführung, sowie um die Entwicklung und Realisierung individueller Lebensperspektiven. Andererseits zielt mobile Jugendarbeit auf die Erweiterung von notwendigen Sozialkompetenzen, wie z. B. Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, ab. Darüber hinaus soll die Erschließung von öffentlichen Räumen und der Aufbau einer Angebotsstruktur zur Gestaltung von Freizeitmöglichkeiten erreicht werden.

 

 

Handlungsmaxime mobiler Jugendarbeit

 

Mobile Jugendarbeit zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie ihre Zielgruppen als Experten ihres Lebens und Lebensumfeldes versteht und ernst nimmt. Es wird davon ausgegangen, dass alle Betroffenen und Beteiligten über die nötigen Ressourcen verfügen, um ihren Herausforderungen zu begegnen. Mobile Jugendarbeit übernimmt in diesem Kontext eine aktivierende Funktion wahr.

Bei mobiler Jugendarbeit handelt es sich vornehmlich um persönliche Beziehungsarbeit. Diese ist sowohl durch Wertschätzung und Vertrauen als auch durch Kontinuität und Zuverlässigkeit geprägt. Darüber hinaus stellen Anonymität, Vertraulichkeit und Freiwilligkeit wichtige Elemente in den Kontakten mobiler Jugendarbeit zu ihren Zielgruppen dar. Es handelt sich somit um einen parteilichen Handlungsansatz, in dem mobile Jugendarbeit die Rolle eines Anwaltes für Jugendliche wahrnimmt.

Im Rahmen methodischer Vielfältigkeit und Flexibilität besteht die Handlungsmaxime mobiler Jugendarbeit darin, die Handlungsmöglichkeiten aller Bürgerinnen und Bürger, insbesondere jedoch die der Jugendlichen, zu erweitern und die Entwicklung von Autonomie und Selbstverantwortung zu fördern.

 

(Vgl. zu Kapitel 2: Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit Baden-Württemberg e.V., LAG (Hrsg.), Praxishandbuch Mobile Jugendarbeit, Neuwied 1997, Luchterhand Verlag und Fachliche Leitliniern für Streetwork/Mobile Jugendarbeit herausgegeben von der Landesarbeitsgemeinschaft Streetwork/Mobile Jugendarbeit NRW e.V.)

 

Mobile Jugendarbeit in Eschweiler

 

Die mobile Jugendarbeit ist ein präventives kommunales Dienstleistungsangebot der Stadt Eschweiler an ihre Jugendlichen und Bürger. Dabei ist mobile Jugendarbeit als ein zusätzliches und als ein die bereits existierenden Angebote für Jugendliche, öffentlicher und freier Träger, ergänzendes Angebot zu verstehen. Unter Berücksichtigung der geographischen Struktur der Stadt Eschweiler mit ihren vielfältigen Stadtteilen und Stadtbezirken ist der Handlungsansatz der mobilen Jugendarbeit systemisch-konstruktivistisch und zielgruppenübergreifend ausgerichtet. Im Unterschied zu den traditionellen Angeboten in der Jugendarbeit bedient sich die mobile Jugendarbeit einer „Geh-Hin-Struktur“ und stellt einen Ansprechpartner für die Jugendlichen vor Ort an ihren Treffpunkten und Plätzen dar. Daraus ergibt sich, dass mobile Jugendarbeit auch zu ungewöhnlichen Zeiten an ungewöhnlichen Orten stattfindet. Dabei begreift sie sich an den Orten und Treffpunkten der jungen Menschen als Gast, richtet sich nach den Spielregeln der Gastgeber und muss ein sensibles Gespür für Nähe und Distanz entwickeln und jeweils merken, wann es an der Zeit ist sich zurück zu ziehen.

Aus diesem Spagat zwischen aufsuchender und verfolgender Jugendsozialarbeit heraus handelt mobile Jugendarbeit im Auftrag der Jugendlichen und entwickelt und initiiert vor diesem Hintergrund unterschiedliche Projekte. Dabei zielt die mobile Jugendarbeit langfristig auf die Verselbstständigung dieser Projekte ab. Grundsätzlich möchte die mobile Jugendarbeit die Eigenverantwortung aller Beteiligten fördern und zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen.

In diesem Kontext stellt die mobile Jugendarbeit in Eschweiler keine Sozialfeuerwehr dar und übernimmt in keiner Weise ordnungspolitische Aufgaben!

 

Die Säulen mobiler Jugendarbeit

 

Die mobile Jugendarbeit Eschweiler basiert im Wesentlichen auf den drei Säulen „aufsuchende Jugendsozialarbeit“, „Vernetzung“ und „Lobbyarbeit“.

 

Die aufsuchende Jugendsozialarbeit umfasst die Tätigkeiten der mobilen Jugendarbeit in den Stadtteilen. Hier ist sie als Ansprechpartner an den Treffpunkten und öffentlichen Plätzen vor Ort anzutreffen und leistet insbesondere Kontaktaufbau, -pflege und Beziehungsgestaltung. Auf dieser Grundlage entstehen als gruppenbezogene Angebote einzelne Projekte mit und für bestimmte Gruppen und Cliquen im Hinblick auf ihre Freizeitgestaltung. Ebenso stellen die Kontakte auf der Straße den Ausgangspunkt für einzelfallbezogene Angebote dar. Dies bedeutet eine kurzfristige Beratung (möglichst) ohne Wartezeit vor Ort bis hin zur direkten Konfliktbearbeitung. Darüber hinaus findet abhängig vom Beratungsanliegen und der zu erwartenden Beratungsintensität eine Vermittlung und Begleitung der Betroffenen zu den entsprechenden Fachdiensten statt.

 

Die zweite Säule meint eine Vernetzung im Sinne der Jugendlichen und der Jugendarbeit in Eschweiler insgesamt. Vor diesem Hintergrund ist Aufgabe der Dienstleistung mobiler Jugendarbeit die Schaffung eines möglichst umfassenden Netzwerkes und einer funktionierenden Infrastruktur. Diese bezieht sich sowohl auf die einzelnen Stadtteile, Stadtbezirke und auf die gesamte Stadt Eschweiler als auch darüber hinaus auf die Region und die Landesebene. Dieses Netzwerk des Austausches, der Zusammenarbeit und Kooperation umfasst u. a. Politik und Verwaltung, die unterschiedlichen Jugendeinrichtungen, Schulen und die Schulsozialarbeit. Des Weiteren stellen viele soziale Institutionen und Einrichtungen, die Kirchen, andere Behörden (z. B. Polizei), die vielfältigen Vereine, Projekte und Initiativen, sowie Geschäfte und Firmen aus Wirtschaft und Industrie wichtige Bestandteile dieser notwendigen Infrastruktur dar. Somit beinhaltet mobile Jugendarbeit auch Gremienarbeit in denen sie sinnvoller und notwendiger Weise vertreten ist.

 

Die Lobbyarbeit bringt die Rolle des Anwaltes in der mobilen Jugendarbeit zum Ausdruck. Mobile Jugendarbeit ist parteilich und steht auf Seiten der Jugendlichen, um ihre Interessen zu vertreten. In dieser Rolle übernimmt mobile Jugendarbeit die Rolle eines Vermittlers, eines Moderators und eines Dolmetschers. Mobile Jugendarbeit tritt als Vermittler in Konfliktfällen zwischen Jugendlichen untereinander auf. Sie vermittelt aber auch bei Konflikten zwischen Jugendlichen und anderen Bürgern, z. B. Anwohnern und zwischen Jugendlichen und Einrichtungen und Trägern. Des Weiteren fungiert die mobile Jugendarbeit als Moderator in den vielfältigen Veränderungsprozessen in denen die Jugendlichen eingebunden sind oder die in ihrem Interesse initiiert und durchgeführt werden. Nicht zu letzt füllt die mobile Jugendarbeit die Rolle eines wechselseitigen Dolmetschers zwischen den Jugendlichen und allen anderen betroffenen und beteiligten Personen und Institutionen aus. Dabei stellt sie einerseits sicher, dass die unterschiedlichen Sprachweisen „übersetzt“ und verstanden werden und andererseits die vielfältigen Interessen und Meinungen transportiert und kommuniziert werden. Darüber hinaus stellt die mobile Jugendarbeit das Sprachrohr der Jugend in der Öffentlichkeit dar. In diesem Kontext kommt der Öffentlichkeitsarbeit und damit der Präsenz und der Transparenz der Arbeit mobiler Jugendarbeit im Alltag der Bürger eine immens wichtige Bedeutung zu.